Aufstehen ...?

März 2017

Man mag es, liebe Leserin, lieber Leser, nicht für möglich halten: aber das Aufstehen für ältere Mitbürger erlebt eine Renaissance! Schon seit einigen Jahren sehe und höre ich, wie älteren Frauen und Männern ein Sitzplatz in der Nähe der Tür einer Stadtbahn oder eines Busses angeboten wird. Und die Reaktion darauf? „Danke, aber ich bin noch nicht so alt …!“ „Nein, ich steige gleich wieder aus.“ Und manche nehmen das Angebot, das ihnen gemacht wurde, auch dankend an.
Wie ich auf diese typischen Szenen komme, die sich täglich unzählige Male in den öffentlichen Verkehrsmitteln Hannovers abspielen? Der Wochenspruch für diesen März hat mich darauf gebracht: Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der Herr (3. Mose 19,32). Das Aufstehen vor einem Älteren, gar einem alten Menschen, hat seinen Sinn nicht nur darin, einen Sitzplatz anzubieten: damit der andere nicht mehr unbequem stehen muss. Es drückt sich darin auch Höflichkeit und Respekt aus – in einer lebenspraktischen Geste.
An meinen Beobachtungen, die ich schilderte, lässt sich aber auch ablesen: die Älteren wollen oft gar nicht zur Altersgruppe der Alten zählen; inzwischen wollen sie jünger sein und dynamisch wirken. Und vielleicht haben sie auch noch jede Menge Energie: für Busreisen mit garantiertem Sitzplatz und andere Unternehmungen ...
Will man einem grauen Haupt begegnen und die Alten ehren, muss man heutzutage wohl woanders hingehen: in die Alten- und Pflegeheime. Hier, in den Orten des Exils alt gewordener Menschen, trifft man sie: Frauen und Männer, die einen langen Lebenslauf wie eine Schleppe hinter sich herziehen, gewoben aus Schwerem und Leichtem. Hier kann man sie besuchen – und ihnen mit Respekt begegnen.
Mit einem eigenartigen Nachsatz schließt der Monatsspruch: Du sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der Herr. Ich verstehe das weniger als eine Drohung, sondern als Begrenzung menschlicher Dominanz über andere. Denn die alt Gewordenen – wie die noch ganz Jungen – brauchen einen besonderen Schutz und eine besondere Zuwendung. Manchmal ist Aufstehen gar nicht so schlecht.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten März
Ihr B. Pechmann